ZUM ERSTEN MAL IM LUGANER GEBIET
Türkischer Zauber
zur Zeit Mozarts
Im späten 18. Jahrhundert richtet Wien seinen Blick immer stärker nach Osten. Die Faszination für die osmanische Welt durchdringt Musiktheater, Mode, Ornamentik und sogar die Orchestersprache: Schlaginstrumente, markante Rhythmen, plötzliche Klangakzente und ungewöhnliche Farben gelangen allmählich in die europäische Musik und verwandeln sich in einen imaginären, theatralischen und verführerischen Orient.
Es handelt sich nicht um eine authentische Rekonstruktion türkischer Musik, sondern um eine Fantasie des Anderswo. Das Osmanische Reich wird für die Wiener Welt zu einer nahen und zugleich geheimnisvollen Präsenz: etwas, das fasziniert, beunruhigt und die Vorstellungskraft der Komponisten entzündet. Die Kultur „alla turca“ erfasst rasch nicht nur das Musiktheater, sondern auch den dekorativen Geschmack, die Mode und sogar den Alltag des kaiserlichen Wien. Der Orient wird betrachtet, neu erfunden und in ein Klangbild verwandelt: nicht historische Realität, sondern ein fantastischer Raum der europäischen Imagination.
Wolfgang Amadeus Mozart gehörte zu den Musikern, die diese Faszination am intensivsten in Musik zu verwandeln wussten. Die berühmte Türkische Marsch, Die Entführung aus dem Serail, das „türkische“ Rondo aus dem Konzert K. 219, aber auch die orientalischen Verkleidungen in Così fan tutte zeigen, wie tief diese Vorstellungswelt in die Wiener Kultur der Zeit eingedrungen war. In Wien träumte man von Konstantinopel, ohne es je wirklich gesehen zu haben: der Klang der Janitscharen, exotische Schlaginstrumente und die Faszination des Fernen wurden zu Schauspiel, Eleganz und theatralischer Erfindung.
Doch das heutige Programm schlägt bewusst einen anderen Weg ein.
Es beschränkt sich nämlich nicht darauf, die von Wien im 18. Jahrhundert imaginierte Türkei heraufzubeschwören, sondern sucht eine direktere Begegnung zwischen unterschiedlichen musikalischen Sensibilitäten. Die Perspektive verschiebt sich allmählich: vom Orient, den die Wiener Kultur erträumte, hin zu einer realen, zeitgenössischen und lebendigen türkischen musikalischen Präsenz.
Eine kleine Nachtmusik steht für eines der leuchtendsten Bilder der Wiener Klassik. Hinter ihrer scheinbaren Einfachheit verbirgt sich jedoch eine Schreibweise von ausserordentlicher Vollkommenheit: Jede Phrase scheint natürlich zu entstehen, jedes Gleichgewicht wirkt spontan, jede Bewegung bewahrt eine Leichtigkeit, die niemals Präzision und Eleganz verliert. Es ist eine Musik, die auf der Freude am Dialog, auf der Klarheit der Form und auf der ununterbrochenen Beweglichkeit des musikalischen Flusses beruht.
Doch auch hier bedeutet die Transparenz der Schreibweise niemals Oberflächlichkeit. Mozart gelingt es, scheinbare Einfachheit in eine beinahe vollkommene Form des Gleichgewichts zu verwandeln, in der alles mit absoluter Natürlichkeit zu fliessen scheint und doch mit strenger Präzision gebaut ist. So bewahrt die Musik eine unmittelbare, theatrale und kommunikative Lebendigkeit, ohne ihre Raffinesse zu verlieren.
Das Konzert für Flöte in G-Dur zeigt dagegen einen kantableren und transparenteren Mozart. Flöte und Orchester treten mit Natürlichkeit und expressiver Freiheit in Dialog und verwandeln den musikalischen Diskurs in eine leuchtende und elegante Schreibweise. Das Soloinstrument sucht nie den bloss spektakulären Virtuosismus: Sein Gesang scheint vielmehr unmittelbar aus dem Atem der musikalischen Phrase zu entstehen und bewahrt stets eine weiche, fliessende und zutiefst menschliche Qualität.
Hinter der Heiterkeit des Konzerts spürt man zudem jene aussergewöhnliche mozartsche Fähigkeit, Gleichgewicht ohne Starrheit zu schaffen. Alles erscheint frei, spontan und unausweichlich, als würde sich der musikalische Gedanke ganz natürlich vor den Zuhörenden entfalten. Selbst in den brillanteren Momenten bleibt immer eine kantable Qualität erhalten, die verhindert, dass sich die Schreibweise in blosse technische Schau verwandelt.
Genau an diesem Punkt verändert das Konzert seine Perspektive.
Mit Zulül des türkischen Komponisten Kenan Durul hören wir eine reale, lebendige und zeitgenössische türkische musikalische Stimme. Frisch, freudig und mitreissend führt dieses Stück ein anderes Verhältnis zu Rhythmus, Tanz und volkstümlicher Farbe ein und bringt eine unmittelbare, kommunikative Energie in das Konzert, getragen von Bewegung und kollektivem Schwung.
Nach der von Wien im 18. Jahrhundert imaginierten Türkei tritt so eine musikalische Präsenz hervor, die nicht mehr aus der Fantasie des Exotischen entsteht, sondern aus einer von innen gelebten Tradition. Tanz, Rhythmus und kollektive Geste erhalten hier eine äusserst natürliche und direkte Dimension und verwandeln das Konzert plötzlich in einen realen Begegnungsraum zwischen unterschiedlichen musikalischen Kulturen.
Der Abschluss mit der Sinfonie Nr. 39 von Franz Joseph Haydn führt das Programm in eine unruhigere und intensivere Dimension. Fern vom salonhaften Bild, das häufig mit der Klassik verbunden wird, zeigt diese Seite einen energischen, dunklen und überraschend theatralischen Haydn. Harmonische Spannungen, plötzliche dynamische Wechsel und rhythmische Kraft durchziehen fortwährend die Schreibweise und offenbaren eine unruhige, bewegliche und überraschend moderne musikalische Sprache.
Obwohl Haydn formale Klarheit und architektonisches Gleichgewicht bewahrt, führt er eine ständige innere Spannung ein. Die Musik scheint sich durch plötzliche Kontraste, dramatische Öffnungen und unerwartete Ausdünnungen des Klangs zu bewegen. Auch hier erscheint die Wiener Klassik alles andere als unbeweglich: als lebendige musikalische Sprache, durchzogen von Energie, Verwandlung und unaufhörlicher expressiver Suche.
Zum Leben erweckt wird dieser Weg durch den türkischen Dirigenten Hakan Şensoy, eine Persönlichkeit von grosser internationaler Bedeutung und den einzigen Dirigenten in der Musikgeschichte der Türkei, der am Teatro alla Scala in Mailand dirigiert hat. Ausgebildet zwischen Istanbul und dem Royal College of Music in London, verbindet Şensoy die Solidität der europäischen Tradition mit einer Sensibilität, die tief mit der mediterranen und orientalischen Musikkultur verbunden ist. Gerade diese doppelte Zugehörigkeit macht den Dialog zwischen Wiener Klassik und den türkischen Anklängen des Programms besonders natürlich.
In seiner musikalischen Lesart verbinden sich formale Präzision, Freiheit der Phrasierung und eine ständige Aufmerksamkeit für die orchestrale Farbe. Das Ergebnis ist keine einfache Gegenüberstellung verschiedener Welten, sondern eine Suche nach Kontinuität und gegenseitiger Verwandlung, in der scheinbar weit voneinander entfernte Sprachen plötzlich ganz natürlich miteinander in Dialog treten.
An seiner Seite steht die junge Flötistin Zeynep Canay für eine besondere Verbindung zur italienischen Schweiz. In Ankara geboren und zwischen der Türkei und der Schweiz ausgebildet, setzte sie ihr Studium am Conservatorio della Svizzera Italiana in der Klasse von Andrea Oliva fort und zeichnete sich durch Musikalität, klangliche Eleganz und natürliche expressive Präsenz aus. Ihre Mitwirkung schafft so eine weitere Brücke zwischen Kulturen, künstlerischen Wegen und unterschiedlichen Ausbildungsorten.
Die Wiener Klassik erscheint so nicht nur als Mass und Gleichgewicht, sondern auch als Neugier, Offenheit und ständige Verwandlung der musikalischen Sprache. Eine Tradition, die fähig ist, ferne Einflüsse aufzunehmen, neu zu erfinden und in neue Formen des klanglichen Dialogs zu verwandeln.
Im Herzen von Paradiso, zwischen der zeitgenössischen Architektur des Gemeindehauses, den Skulpturen von Ivo Soldini und dem Profil des Monte San Salvatore, empfängt die Piazza del Municipio dieses Konzert als Begegnung zwischen Wiener Eleganz und mediterranen Faszinationen. Ein offener Raum, in dem der Klang der Streicher, der Rhythmus der Musik und das Licht des Abends scheinbar ganz natürlich mit der Landschaft des Ceresio verschmelzen und das Hören in eine gemeinsame Erfahrung zwischen Geschichte, Ort und musikalischer Imagination verwandeln.
BIOGRAFIEN
Hakan Şensoy
Der in Istanbul geborene Violinist und Dirigent Hakan Şensoy ist eine bedeutende Persönlichkeit des zeitgenössischen türkischen Musiklebens. Als Gründer und künstlerischer Leiter verschiedener Formationen, darunter Istanbul Chamber Orchestra, Filarmonia Istanbul und Aromsa Chamber Orchestra, war er Chefdirigent des Izmir State Symphony Orchestra und Dozent am ITU Turkish Music State Conservatory. Seine Tätigkeit verbindet sinfonisches und kammermusikalisches Repertoire, die Förderung zeitgenössischer türkischer Musik und die Aufmerksamkeit für die Ausbildung junger Musikerinnen und Musiker.
Zeynep Canay
Die in Ankara geborene Zeynep Canay erhielt ihre musikalische Ausbildung in der Türkei und in der Schweiz und schloss ihr Masterstudium am Conservatorio della Svizzera italiana in der Klasse von Andrea Oliva ab. Anschließend nahm sie an der Galway Flute Academy teil, wo Sir James Galway sie als Rising Star auszeichnete. Als Solistin und Kammermusikerin konzertiert sie in Europa, Asien und Amerika. Zu den Höhepunkten ihrer Laufbahn zählt ein Solokonzert im KKL Luzern mit den Festival Strings Lucerne unter der Leitung von Daniel Dodds. Ihr künstlerischer Weg verbindet die Musiktradition der italienischen Schweiz mit einer internationalen Konzerttätigkeit.