KLANGWELTEN DER SCALA
Schwere Artillerie
aber mit Leichtigkeit
Es gibt Instrumente, die in der kollektiven Vorstellung sofort Kraft, Feierlichkeit und klangliche Wucht hervorrufen. Die Blechbläser gehören zu dieser Kategorie. Und doch verändert sich alles, wenn sie von den Musikern des Teatro alla Scala di Milano gespielt werden: Kraft verwandelt sich in Eleganz, Brillanz in Farbe, Virtuosität in Musiktheater.
Von hier aus entsteht der Sinn dieses Konzerts. Ein Programm, das weit voneinander entfernte Welten durchquert, vom italienischen Belcanto über die kammermusikalische Romantik und das Puccini-Melodram bis zum amerikanischen Musical, dabei aber stets dieselbe Grundidee bewahrt: einen Klang, der zugleich monumental und federleicht sein kann.
Im Park der Villa Rusca in Cureglia, eingebettet in die abendliche Ruhe und das historische Grün rund um die neoklassizistische Villa des 19. Jahrhunderts, werden die Blechbläser beinahe zu architektonischer Materie. Die melodischen Linien breiten sich im offenen Raum aus, die Klangfarben spiegeln sich in der Stille der Nacht, und das Konzert erhält etwas zutiefst Theatrales, auch ohne Bühne und ohne Worte.
Die Eröffnung mit der Sinfonia aus Norma von Vincenzo Bellini führt sofort diese doppelte Seele des Programms ein. Auf der einen Seite steht die Noblesse des grossen italienischen Theaters, auf der anderen die Fähigkeit der Blechbläser, orchestrales Schreiben in eine weite, leuchtende und überraschend kantable Geste zu verwandeln. Bei Bellini entsteht alles aus der Stimme, aus der reinen melodischen Linie, und gerade diese Qualität tritt in der Transkription für Quintett mit besonderer Kraft hervor: Die Phrasierung atmet, spannt sich, hält inne und verwandelt den Klang in einen grossen theatralen Bogen.
Nach dieser feierlichen und dramatischen Eröffnung stellt das Quintett von Viktor Ewald eine der bedeutendsten Seiten der kammermusikalischen Literatur für Blechbläser dar. Hier gibt es keinerlei Schwere. Die Instrumente jagen einander mit Natürlichkeit, stützen sich gegenseitig und atmen zusammen. Es ist eine Musik, die eher auf Farbe und Resonanzqualität als auf spektakuläre Wirkung gebaut scheint und das Quintett in einen einzigen Klangkörper verwandelt, durchzogen von Wärme und Raffinement.
Nach der Pause kehrt das Theater mit Giacomo Puccini plötzlich in den Mittelpunkt zurück. Die Fantasie aus Tosca bündelt die ganze emotionale Kraft der italienischen Oper: Leidenschaft, Spannung, Eifersucht, Lyrismus und Tragik strömen mit beinahe körperlicher Unmittelbarkeit durch die Musik. Die Blechbläser verstärken diesen dramatischen Charakter, ohne je Flexibilität und Kantabilität zu verlieren, und wechseln zwischen feierlichen Momenten und plötzlich intimen, melancholischen Öffnungen.
Vor allem im Schluss mit Leonard Bernstein offenbart das Programm seine spektakulärste Seele. Die Suite aus West Side Story führt das Publikum in ein vollkommen anderes Universum: in die moderne Stadt, den Jazz, den Tanz und das amerikanische Musical. Mitreissende Rhythmen, berühmte Melodien und ständige theatrale Aufladungen verwandeln das Quintett in etwas, das die Grenzen der traditionellen Kammermusikbesetzung immer wieder überschreitet.
Protagonist des Abends ist das Blechbläserquintett des Teatro alla Scala di Milano, die offizielle Formation des berühmten Mailänder Theaters. Das Ensemble bringt nicht nur die musikalische Exzellenz einer der renommiertesten Institutionen der Welt mit, sondern auch jene italienische Theatertradition, die jede Phrase in Erzählung, jeden Atem in szenische Spannung und jedes Konzert in eine lebendige Erfahrung verwandeln kann. So wird dieser Abend zu einer Hommage an das Musiktheater in seinen verschiedensten Formen, in einem ständigen Gleichgewicht zwischen klanglicher Kraft und expressiver Leichtigkeit.
BIOGRAFIEN
Quintetto d'Ottoni del Teatro alla Scala
Das 2004 gegründete Quintetto d'Ottoni del Teatro alla Scala vereint Musiker des Orchesters des Teatro alla Scala in Mailand in einer kammermusikalischen Besetzung, die dem Repertoire für Blechbläser gewidmet ist. Das Ensemble verbindet Originalkompositionen mit Transkriptionen von Bach bis Bernstein und tritt regelmässig in Italien und im Ausland auf. Die Vielfalt des Repertoires und die lange orchestrale Erfahrung seiner Mitglieder ermöglichen dem Quintett Programme, die vom Musiktheater bis zur Kammermusik reichen.
