TESSINER EXZELLENZEN
Barocke Perlen
von der Geste zum Code
Das Konzert wird von der Radiotelevisione svizzera italiana aufgezeichnet und anschließend auf ReteDue ausgestrahlt.
Es gibt einen Moment im frühen 17. Jahrhundert, in dem die Instrumentalmusik noch nicht ganz festgelegt ist. Die Schrift existiert, bleibt aber offen und lebt aus der Freiheit der Geste, aus der Erfindung des Augenblicks.
Die Sonaten von Dario Castello sind ein unmittelbares Zeugnis davon: bewegliche Seiten, durchzogen von plötzlichen Kontrasten und virtuosen Aufschwüngen, in denen die Geige gleichsam unter den Fingern zu entstehen scheint.
Mit Johann Heinrich Schmelzer und Philipp Friedrich Böddecker verbreitet sich diese Sprache über Italien hinaus und beginnt sich allmählich zu verwandeln. Die Freiheit bleibt zentral, nimmt aber neue Formen, neue Gleichgewichte und eine andere Vorstellung musikalischer Konstruktion auf.
„Von der Improvisation zum Code“ ist nicht nur ein Titel, sondern ein wirklicher Übergang in der Musikgeschichte: von einer Sprache, die im Augenblick entsteht, zu einer Schrift, die sich ihrer inneren Architektur immer bewusster wird.
Diesem Weg verleihen zwei Tessiner Interpreten Stimme, die zu den angesehensten Persönlichkeiten im Bereich der Alten Musik zählen.
Luca Pianca gehört zu den grossen Protagonisten der internationalen Wiederentdeckung der Laute. Als Partner bedeutender Ensembles und Künstler verbindet er Virtuosität auf höchstem Niveau mit einer seltenen rhetorischen Sensibilität. Im musikalischen Dialog ist seine Rolle nicht die einer blossen Begleitung, sondern die eines Klanggedankens, der sich in Echtzeit formt und jeder Phrase Richtung, Spannung und Atem gibt.
Fiorenza de Donatis gibt der Geige die ausserordentliche expressive Freiheit der barocken Sprache zurück. Als Interpretin, die unterschiedliche Repertoires mit Natürlichkeit durchquert und dabei die erzählerische Spannung des Klangs stets lebendig hält, beschreibt ihre Geige nicht, sondern handelt: Sie bezieht Stellung, baut auf, verwandelt den musikalischen Diskurs unablässig.
Gemeinsam gestalten sie einen Dialog, in dem die Musik ihren Ursprung wiederfindet: nicht als festgelegtes und unveränderliches Objekt, sondern als gemeinsamer Akt, der sich im Augenblick des Hörens erneuert.
Das Konzert findet in der Kirche von Sorengo statt, einem kleinen Gebäude romanischen Ursprungs, das beinahe verborgen einige der ältesten und kostbarsten Fresken des Tessins bewahrt. In diesem gesammelten Raum, in dem die Zeit noch sichtbare Spuren hinterlassen zu haben scheint, findet die Musik eine natürliche, wesentliche, direkte und zutiefst lebendige Resonanz.
BIOGRAFIEN
Fiorenza de Donatis
Fiorenza de Donatis wurde in Locarno geboren, diplomierte am Conservatorio della Svizzera Italiana bei Carlo Chiarappa und vervollkommnete sich im Barockrepertoire auf historischen Instrumenten bei Lucy van Dael in Amsterdam. 2002 gewann sie den Ersten absoluten Preis beim Internationalen Wettbewerb für Alte Musik in Brügge. Sie ist Konzertmeisterin des von Diego Fasolis geleiteten Ensembles I Barocchisti und arbeitet mit führenden Formationen des historischen Repertoires zusammen, darunter Accademia Bizantina, Concerto Köln, Europa Galante und Kammerorchester Basel.
Luca Pianca
Der in Lugano geborene Luca Pianca gehört zu den bedeutendsten Lautenisten der internationalen Szene. 1985 war er Mitbegründer des Ensembles Il Giardino Armonico; er studierte bei Nikolaus Harnoncourt am Mozarteum in Salzburg und hat ein äusserst breites Repertoire eingespielt, darunter auch die Gesamteinspielung der Werke für Laute von Johann Sebastian Bach. Er arbeitet regelmässig mit führenden Interpretinnen, Interpreten und Ensembles zusammen und wird für seinen klanglichen Reichtum, seine rhetorische Sensibilität und seine aussergewöhnliche Improvisationsfähigkeit im Basso continuo geschätzt.